Schattenblick → INFOPOOL → PARABLICK → MAGIE


AHAB/001: CLAN - Ein Gerücht kommt in die Welt (SB)



CLAN - DIE EINWEIHUNG


Mein Herz klopfte vor gespannter Erwartung. Der Raum in dem ich mich befand, war schwarz - die Wände um mich herum, der Kubus in der Mitte, der Boden - selbst das Licht schien schwarz zu sein.

Ich war allein; wartete auf den AUGENBLICK. Ich schloß die Augen und meine Gedanken wanderten zurück, zurück zu dem Tag, an dem ich zum erstenmal aufmerksam wurde auf das, was man CLAN nannte.

Bei einem gemeinsamen Essen hatte ich das erstemal von einem Wesen gehört, das einen "magisch erwachsen werden läßt". Seitdem hatte es mich nicht wieder losgelassen - wer wollte schließlich nicht magisch erwachsen werden. Sollte doch noch all das wahr werden, was bisher nicht eingelöst worden war?

In den nächsten Wochen sammelte ich alle Informationen, derer ich habhaft werden konnte und die über das berichteten, was flüsternd CLAN genannt wurde. Das war allerdings nicht viel gewesen - ein Buch einer Ethnologin, das vergriffen war, Geschichten über Totems und Krafttiere, die nur ein Abklatsch dessen darstellten, was ein CLAN darstellen sollte - 'denn ein CLAN ist nicht vergänglich und geht somit nicht wieder. Ein CLAN bleibt bis zum Ende'; "nie mehr allein", schoß es mir damals durch den Kopf. Die alte Sehnsucht nach Schutz, Geborgenheit und all dem, was Wärme versprach, war wieder in mir entbrannt.

Macht sollte ein CLAN haben und diese teilen, dominierend sollte ein CLAN sein. Welch ein Schritt! All dies klang unheimlich und war kaum faßbar. Die Angst vor dem Unabänderlichen, dem Geheimnisvollen hatte sich eingestellt - und sie begleitete mich auch jetzt - gerade jetzt.

Ich öffnete die Augen - ich war nicht mehr allein. Dumpf und langsam, in einem gleichmäßigen Rhythmus, ertönte die Trommel. Ich wog mich, versuchte mich zu entspannen, was mir allerdings nur für wenige Augenblicke gelang. Mein Geist schweifte ab -

Derjenige, der einen CLAN - seinen CLAN - erweckt, hat selbst nichts mit der "Einweihung" zu tun, wird berichtet. Sein CLAN übernimmt die totale Initiative - es greift an und erweckt dadurch den CLAN des Opfers. "Hatte etwa jeder einen CLAN?" Dies war ein enttäuschender Gedanke.

Die Trommel wurde schneller und ein Schnaufen mischte sich in die Klänge. Ich versetzte mich selbst in Trance, da sich nichts tat - zuerst hatte ich Angst vor dem CLAN gehabt, jetzt bekam ich Angst davor, keinen zu haben - nicht dazugehören zu können. Ich steigerte mich mit Hilfe der Trommeln weiter in eine Erregungs-Trance hinein. Mein Oberkörper wiegte sich, ich ließ mich mit Absicht gehen - aus mir heraus kamen Laute, die ich nicht deuten konnte. Die linke Seite meines Gesichtes und meines Oberkörpers wurden taub. Ich begann mich im Takt zu der Trommel zu bewegen. Nach kurzer Zeit unterließ ich alle Bewegungen, weil ich sie als störend für meine Trance empfand. Das Trommeln ließ nach, das Schnaufen und Keuchen des anderen ließ nach - Stille kehrte ein.

Es folgte die Erklärung, daß manche für die Erweckung eines CLANS mehrere Sitzungen bräuchten.


*

EPILOG

Während der Rückfahrt mit dem Zug saß ich allein in einem Zugabteil - die "Einweihung" ging mir nicht aus dem Kopf. Meine linke Gesichtshälfte war wieder taub geworden - ich war wieder in Trance und froh darüber, nicht mit meinem Auto unterwegs zu sein. Die Trance identifizierte ich mit MEINEM Clan. Ich hatte Angst - mir fiel alles ein, was ich über Dauerbesessenheit gelesen hatte. Aber genau das hatte ich ja gewollt. Ich fühlte mich wie jemand, der die Seiten gewechselt hatte und nicht weiß, auf welche Seite er gewechselt war, da sie ihm unbekannt und so nicht faßbar war. Es drängte mich nach Gesellschaft, nach anderen, die so waren wie ich, die die gleiche gewollte Last trugen - von der ich nicht sicher war, ob sie nicht doch nur in meiner Einbildung existierte.


Pkt



CLAN - DIE ANALYSE EINES PHÄNOMENS/PHANTOMS

oder

WAS MACHT EINEN CLAN SO ATTRAKTIV ?

Ein Gerücht kommt in die Welt und wer will leugnen, daß Gerüchte nicht attraktiv sind, noch dazu, wenn sie solcherart sind, daß sie viel versprechen, aber nichts konkretes aussagen. Aber es wäre zu einfach, damit die Attraktivität des Phänomens CLAN zu begründen. Immerhin hat die Person, die die oben beschriebene CLAN-Einweihung so durchlebt haben könnte, es sich im Vorfeld zu dieser Einweihung nicht einfach gemacht.

Bei genauer Betrachtung der Aussagen, stellt man fest, daß das Gerücht eines mächtigen CLANS von einer Vielzahl geheimnisvoller Versprechungen gestützt wird. Diese Versprechungen erscheinen dabei um so glaubhafter, als daß sie, wie die Einweihung selbst, von keiner Forderung oder Gegenleistung in materieller oder zeitlicher Hinsicht torpediert werden. Es darf also davon ausgegangen werden, daß es jenen, die sich als Verkünder des CLAN- Phänomens verstehen, sehr ernst damit ist.

In den Versprechungen findet man alles, wonach sich ein Mensch im Grunde genommen sehnt: - Geborgenheit - Nie mehr allein sein - Magisch erwachsen werden - Macht - Sicherheit - Besser/anders sein als andere - Zur Elite der Magie-Szene gehören zu können

Alle diese Aussagen sind zuerst einmal äußerst attraktiv. Noch dazu, wenn man bedenkt, daß man all dies ohne größere Mühe, finanzielle Aufwendungen oder durch persönliche Verpflichtungen bekommen kann. Dazu kommt, daß der CLAN-Besitzer nur noch einem gegenüber verpflichtet ist, dem CLAN - dem allerdings für immer. Dieses Versprechen ist wohl auch eines der reizvollsten, da es zum einem Angst einjagt und zum anderen die NeuGIER weiter steigert.

Auffällig an dieser Liste der Versprechungen ist, daß nicht eine einzige im Vorfeld überprüfbar ist. Wird nachgefragt oder wird der Versuch unternommen, präzisere Informationen über diese Andeutungen zu bekommen, so wird sofort der Mantel des Geheimnisvollen darüber gedeckt - denn nur der Eingeweihte kann verstehen -, oder aber es werden weitere Versprechungen gemacht.

Spricht man mit CLAN-Besitzern, stellt man schnell fest, daß diese nicht in der Lage sind, konkrete Aussagen zu ihrem CLAN zu machen. Alle Aussagen die gemacht werden, haben etwas mit Gefühlszuständen, Eingebungen und Unsicherheit zu tun. Viele mußten sich regelmäßig mit ihrem CLAN beschäftigen, um überhaupt herauszufinden, um was für eine Tierform es sich eigentlich handelt.

Dabei stößt man auf das Phänomen, daß sich bei manchen CLAN- Besitzern die Gestalt des CLANS offensichtlich ändert. Übertrieben ausgedrückt, heute eine Echse, morgen ein Vogel. Nimmt man den Anspruch "den ein CLAN erhebt" ernst, so sollte doch dies zumindest nicht möglich sein. Entweder er gehört nun dem SCHLANGEN-CLAN an oder nicht. Selbst ein Krafttier ist in dieser Hinsicht konkreter.

Auffallend ist, daß alle CLAN-Besitzer zu Beginn Schwierigkeiten mit ihrem CLAN haben. Erst wenn sie sich intensiv damit beschäftigen, soll dies anders werden. Man könnte hier auch sagen, erst wenn der "CLAN-Besitzer" sich seinen CLAN gut konditioniert hat, läßt die Anfangsschwierigkeit, nämlich die Vermutung, daß es ja vielleicht doch nur Einbildung ist, nach. Damit hat sich der Magier allerdings selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht, das kaum noch zu durchbrechen ist. Denn die Konditionierung hat das CLAN aus der Sicht des Magiers "selbständig" werden lassen.

Und damit fangen die Probleme, je nachdem wie stark die Konditionierung ist, erst richtig an. Der CLAN wird spätestens ab diesem Punkt bei allen magischen Operationen herangezogen. Jegliche Divinatorik wird über ihn abgewickelt. Das heißt, daß die Verantwortung für das eigene Handeln abgegeben wird. Ein Vorgang, der dem magischen Selbstverständnis nach, auf jeden Magier befremdlich wirken sollte. Die sowieso schon zweifelhafte Erfolgskontrolle der Rituale wird gleich auf doppelte Weise bei Mißerfolgen unterlaufen, denn zum einen wird behauptet, "Der CLAN wollte das Gelingen nicht", was die Frage aufwirft, warum der CLAN das Ritual überhaupt zugelassen bzw. mitgemacht hat, und zum anderen hört man von CLAN-Besitzern häufig die Aussage, daß der CLAN kaum noch Rituale durchführen möchte.

Die Zwiesprache mit dem CLAN bzw. mit einer Konditionierung, die zur Besessenheit geführt hat, wird zum alles bestimmenden Ersatz des Magiers. Unterstützt wird dieser Vorgang noch durch den besonderen Nimbus, der dem CLAN-Besitzer angeblich anhaftet oder besser angeheftet wurde.

Nicht zuletzt dieser Nimbus ist es, der den CLAN-Besitzer in seiner Überzeugung stärkt. Es läßt ihn darüber hinwegsehen, daß sich seine Probleme und Schwierigkeiten eher vermehrt als verringert haben. Die Jagd nach Ansehen innerhalb eines doch sehr klein anmutenden Personenkreises, läßt den Preis für den, der seine CLAN-Konditionierung ernst nimmt, recht hoch werden. Der Magier bezahlt mit seiner Unabhängigkeit und mit der Angst vor dem Unabwendbaren.

Unter dem Strich verliert der CLAN-Besitzer seine Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit. Gewinnen tut er, wenn er es geschickt anstellt, soziales Ansehen unter seinen magisch interessierten Freunden.

Erstveröffentlichung 1995

22. Januar 2007



Copyright 2007 by MA-Verlag
Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
Nachdruck und Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
Redaktion Schattenblick, Dorfstraße 41, 25795 Stelle-Wittenwurth
Telefon: 04837/90 26 98 · Fax: 04837/90 26 97
E-Mail: ma-verlag.redakt.schattenblick@gmx.de
Internet: www.schattenblick.de